Konflikte auf der Bühne
In einem großen Kreis halten die Kinder ein paar Sekunden inne, bevor sich die Türen öffnen und die Eltern, Geschwister und Freunde hereinkommen, die draußen warten. Bevor die Aufführung beginnt, bevor sie auf der Bühne vor Publikum schauspielern und singen, erinnert Klaus-Peter Wick die teilweise sichtlich nervösen Kinder ein letztes Mal daran, immer an „LDL“ zu denken: „Laut, deutlich, langsam.“ Zwei Tage hat der Theaterpädagoge mit 14 Kindern und Jugendlichen in Remchingen ein Stück einstudiert, das sich mit einem gesellschaftlich überaus relevanten Thema auseinandersetzt: Mobbing.
Alle sind freiwillig dabei, alle haben sich in ihren Ferien an zwei Tagen jeweils für fünf Stunden im Sitzungssaal der Kulturhalle getroffen, um unter fachkundiger Anleitung gemeinsam ein Stück zu entwickeln und einzustudieren. Das Schreiben der Texte, das Konzipieren der Handlung, das Auswählen der Musik und der Requisiten: Um alles haben sich die jungen Leute selbst gekümmert. Wick vergleicht die Arbeit mit ihnen mit dem Finden eines Brunnens, aus dem so viel Wasser sprudelt, dass man es nur noch in die richtigen Bahnen zu lenken braucht. Er lobt den großen Ideenreichtum der Kinder und attestiert ihnen, „mega engagiert“, schauspielerisch begabt und sehr motiviert zu sein.
Nicht nur deswegen kommt Wick gern nach Remchingen, sondern auch wegen Elena Angermann, die dort den Jugendtreff leitet und immer wieder Theaterprojekte auf die Beine stellt, dieses Mal mit einer Förderung aus dem Programm „Aktionstaler Kinder- und Jugendschutz“, das Teil des Masterplans Kinderschutz des Ministeriums für Soziales, Gesundheit und Integration ist. Im Mittelpunkt des rund 30 Minuten dauernden Stücks steht das Thema Mobbing: eine Form der seelischen, manchmal auch körperlichen Misshandlung, die laut Angermann längst nicht nur in der Schule, sondern überall stattfinden kann, etwa im Verein oder in der Familie.
Mit ihrem Stück wollen die Jugendlichen zeigen, was Mobbing anrichten kann, welche Dimensionen es hat: Wie fühlt sich ein Mädchen, das gehänselt wird, weil es keine Markenklamotten trägt? Warum will ein Junge auf einmal nicht mehr zur Schule gehen? Was können Beleidigungen im Internet anrichten? Zunächst haben die Kinder zahlreiche Ideen gesammelt, die anschließend in kleinen Gruppen weiter ausgearbeitet und in Episoden für ein Theaterstück übersetzt wurden. Angermann hat den Eindruck, dass den Kindern dabei einiges klar geworden ist. Wenn es nach ihr ginge, müsste es derartige Projekte viel öfter geben. „Das Thema ist allgegenwärtig“, sagt Angermann: „Man kann gar nicht genug darüber erzählen.“ Sie hofft, dass das Theaterstück ein erster Anstoß sein kann, der in Familien, Schulen und Vereine hineinwirkt. Fragt man die Kinder, dann hört man nur Positives über das Projekt. Einige sagen, dass ihnen gar nicht klar gewesen sei, in wie vielen Formen Mobbing auftreten und was es anrichten kann.
Künftig wollen sie in ihrem Umfeld stärker darauf achten und einschreiten, wenn ihnen etwas auffällt. Die Arbeit mit dem Theaterpädagogen Wick hat den Kindern großen Spaß gemacht. Für einige war es eine neue Erfahrung, einige haben schon öfter an den Theaterprojekten mitgewirkt, die Wick und Angermann in Remchingen immer wieder auf die Beine stellen. Auch dieses Mal war das Interesse groß: Angermann berichtet, dass viele Kinder und Eltern schon vor einigen Wochen gefragt hätten, wann es endlich wieder losgehe. Die Sozialpädagogin sieht in Theaterprojekten schon allein deshalb eine sinnvolle Freizeitgestaltung, weil sie die Kinder weg vom Handy bringen. Zahlreiche weitere Vorteile liegen für Angermann auf der Hand, etwa ein gestärktes Selbstbewusstsein, kommunikative Kompetenzen und mit etwas Glück das Finden neuer Freunde.
Text: Nico Roller
Quelle: Die Informationen und das Foto zu diesem Artikel sind den Gemeindenachrichten Nr. 11/2025 entnommen.
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